GEGENWART, 04/2011
Ist die Inklusion noch ein Zukunftskonzept oder sind wir längst im Zeitalter der Inklusion angekommen? Um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zu begleiten und den Begriff „Inklusion“ mit Leben zu füllen, stellt die „Gegenwart“ Positivbeispiele aus der Blinden- und Sehbehindertenszene vor. Den Anfang macht das SFZ Förderzentrum in Chemnitz. Die Mitarbeiter der dortigen Werkstatt für Sehgeschädigte werden zunehmend unterstützt, sich eine Wohnung außerhalb der Einrichtung zu suchen. Das erfordert gleichzeitig eine ganz aktive Stadtteilarbeit, damit die Menschen im sozialen Umfeld auf ihre neuen Nachbarn vorbereitet werden. Mindestens zwei Drittel der Werkstattgänger sollen den Schritt mitten hinein in die Gesellschaft wagen. Katja Drephal war eine der ersten und möchte nicht mehr zurück.
Seit 2003 besteht in Chemnitz unter dem Dach der SFZ Förderzentrum gGmbH eine Werkstatt für Sehgeschädigte (WfbM). Derzeit arbeiten dort 36 Mitarbeiter mit Seheinschränkung, Lern- und weiteren Behinderungen. In der Werkstatt entstehen Korb- und Flechtarbeiten, Bürsten, Keramik, Produkte aus Holz und Filz. Die Produkte werden unter dem Markennamen „handmade“ im eigenen Werkstattladen sowie auf zahlreichen Märkten verkauft. Des Weiteren werden Sortier- und kleinere Montagearbeiten durchgeführt. Auch eine Außenarbeitsstätte wird betreut. Fünf Mitarbeiter der Werkstatt betreiben die Spülküche der Kantine vom SFZ. Derzeit wird ein Werkstattneubau geplant, um weitere Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen.
Die 22-jährige Katja Drephal ist eine der Mitarbeiterinnen der Werkstatt. Sie stammt aus dem Erzgebirge und kam vor sechs Jahren nach Chemnitz, zunächst für eine berufsvorbereitende Bildung. Katjas Sehvermögen beträgt auf beiden Augen dreißig Prozent. Hinzu kommt eine körperliche und sprachliche Einschränkung. Seit fünf Jahren arbeitet Katja in der Werkstatt. Vor allem die Arbeit mit Keramik macht ihr Freude. Ihren Weg bezeichnet sie selbst als „Glücksfall“.
Seit Kurzem ist sie zudem stolze Mieterin einer kleinen Wohnung im Chemnitzer Stadtteil Kaßberg. Damit ist sie eine von mittlerweile 15 Mitarbeitern der Werkstatt, die entweder eine eigene Wohnung haben oder in einer betreuten Außenwohngruppe (AWG) des SFZ im Stadtteil Altendorf leben. Den Weg zur eigenen Wohnung ist Katja Schritt für Schritt gegangen. Erst wohnte sie im Wohnheim auf dem Gelände des SFZ. Doch sie wollte selbstständiger leben. Also zog sie 2007 in die AWG. Mit zwei jungen Frauen teilte sie sich eine Wohnung. Nach der Arbeit in der Werkstatt stand eine Betreuerin zur Verfügung und in der Nacht war ein Bereitschaftsdienst für Notfälle eingerichtet.
Für Katja war die Zeit in der Wohngruppe wichtig und schön. „Ich habe viele Dinge gelernt, die ich jetzt brauche“, sagt sie rückblickend. So trainierte sie den Umgang mit Nachbarn, gegenseitige Rücksichtnahme, lebenspraktische Fähigkeiten, Mobilität, das Einteilen ihres Geldes, ohne bereits die Verantwortung für einen eigenen Mietvertrag tragen zu müssen. Die Wohnungen der AWG werden über das SFZ angemietet.
Jetzt ist das ganz anders. Katja hat den Mietvertrag für ihre gemütlich eingerichtete Einraumwohnung selbst unterschrieben. Bei der Wohnungssuche wurde sie von ihren Eltern und ihrer Betreuerin des SFZ tatkräftig unterstützt. Auf die Frage, ob sie sich wieder so entscheiden würde, kommt ein klares „Ja“. Am Anfang war es zwar komisch, aber mittlerweile habe sie sich daran gewöhnt. Sie drückt es in drei Worten aus: „Tür zu, fertig!“
Katja genießt es sichtlich, ihre eigene Herrin zu sein. Auch die Nachbarn findet sie ganz nett. Die Angst, die sie bei manchen ihrer Kollegen wahrnimmt, diesen Schritt in ein eigenes Zuhause zu gehen, hatte sie nicht.
Sicherlich hilft ihr, dass sie ihre Woche gut strukturieren kann. Wochentags arbeitet sie in der Werkstatt. Montags und freitags geht sie mit ihrer Freundin schwimmen. Am Wochenende geht sie ins Kino, Kaffeetrinken, kocht mit Freunden oder fährt zu ihren Eltern. Dabei bewältigt sie alle Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Einmal pro Woche kommt die Betreuerin. Drei Stunden haben sie Zeit, um Behördenschreiben zu besprechen oder schwierige Dinge im Haushalt zu erledigen.
Bei so viel Selbstständigkeit, stellt sich die Frage nach einer Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Katja antwortet: „Nein, das will ich nicht.“ Momentan reichen Kraft und Wille nur für eins von beiden. Auf die Frage, welchen Wunsch sie hat, schweigt sie zunächst. Sie habe keinen Wunsch. „Alles ist gut, so wie es ist.“ Große Urlaubsreisen oder Ähnliches sind nicht ihr Ding. Ihr reicht die Fahrt mit ihren Eltern an die Ostsee oder ins Gebirge oder der Urlaub mit ihren Werkstattkollegen an die Mecklenburger Seenplatte.
Katja ist eine von neun Mitarbeitern der Werkstatt für Sehgeschädigte, die eine Wohnung ihr Eigen nennen. Nicht in jedem Fall verläuft der Weg in das neue Leben so problemlos wie bei ihr. Es gibt immer wieder kleinere und größere Rückschläge, etwa weil zunächst die vertrauten Menschen fehlen, die Sicherheit geben, weil die Nachbarn misstrauisch reagieren oder, oder, oder … Das SFZ Chemnitz arbeitet deshalb daran, Nachbarschaften zu erschließen, die als Unterstützungssystem dienen können. Es werden Strukturen geschaffen, um für die kleinen Dinge schnell Ansprechpartner zu finden und so die Barrieren für weitere Interessenten zu senken.
Inklusion bedeutet Normalität, bedeutet nicht ausgegrenzt zu sein, dazuzugehören. Dafür lohnt es sich, ein überschaubares Risiko einzugehen.
Cornelia Knorr, SFZ Förderzentrum gGmbH, Chemnitz
GEGENWART 2/2011
Die Belegung der Berufsbildungswerke für Blinde und Sehbehinderte durch die Bundesagentur für Arbeit geht zurück. Das haben im vergangenen Jahr alle Einrichtungen deutlich zu spüren bekommen. Was ist der Grund dafür? Geht auch die Zahl der Schulabgänger mit Seheinschränkung zurück? Gibt es leistungsfähigere oder preiswertere Alternativen, um den Anwärtern eine Berufsausbildung zu bieten? Oder öffnet die Inklusion den allgemeinen Ausbildungsmarkt für alle?
Ein Standpunkt von Karsten Hohler, Geschäftsführer des SFZ Förderzentrums Chemnitz
Derzeit gibt es nichts, wofür nicht die Bevölkerungsentwicklung herhalten müsste. Eine allzu einfache Gleichung ist zum Beispiel die, dass geringere Geburtenraten gleichbedeutend sind mit der geringeren Anzahl von Anwärtern für Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation. Aber: In den neuen Bundesländern ist der Geburtenknick von 1990 schon vor einiger Zeit in den Einrichtungen angekommen und in den alten Bundesländern wird die Zahl der Förderschulabgänger frühestens 2013/14 abnehmen. Für Schulabgänger mit Seheinschränkung ist doch bestens gesorgt, mit wohnortnahen Angeboten von guter Qualität. Schön wär’s! Vorwiegend werden die betroffenen jungen Menschen in überbetriebliche Maßnahmen gesteckt, die laut Ausschreibung „allgemeine Anforderungen für die Belange Behinderter“ erfüllen sollen – also für alle, ob körper-, sinnes- oder lernbehindert. Dieses Vorgehen ist preiswert, weil vor Ort und ohne Internatskosten. Außerdem sind die Preise für derartige Maßnahmen aufgrund jahrelanger Ausschreibungsexzesse so im Keller, dass für die Mitarbeiter kaum 1.400 Euro brutto übrig sind, was sich nicht gerade positiv auf die Qualität auswirkt. Ein Abschluss geht jedoch meistens, oder die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM).
Manchmal landen Teilnehmer solcher Maßnahmen irgendwann doch in den Berufsbildungswerden, zum Beispiel weil der Träger seine Erfolgsstatistik nicht belasten will oder weil jemand ein Einsehen hast … Mit einem strukturierten Rehaprozess hat das nichts zu tun.
Bleiben noch die inklusiv in Betrieben Ausgebildeten. Als Schulabgänger mit Behinderung ist es schwer, einen Platz zu finden. Zudem wissen alle beteiligten Berufsbildungswerke, wie aufwändig eine qualitätvolle wohnortnahe Unterstützung von Ausbildungsprozessen ist. Aber auch hier soll die Leistung in Zukunft an den billigsten Bieter vergeben werden.
Qualität hat ihren reis: Karsten Hohler warnt vor Kompetenzverlust bei der Berufsausbildung
Wir sehen: Alle sind versorgt, keiner sitzt auf der Straße, immer weniger müssen von zu Hause weg. Das Paradies auf Erden, wären da nicht die lästigen Fragen nach Qualität:
Das gute Qualität zum Erfolg führt, bestätigt eine aktuelle Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft zur beruflichen Rehabilitation in Berufsbildungswerden. Damit das so bleibt, sind die Selbsthilfe und die Ausbildungseinrichtungen gefordert.
GEGENWART, 01/2011
Martin Neß, 21
Schon als Kind und Jugendlicher war ich begeistert von Technik und Computern. Die Lehre als Fachinformatiker im Berufsbildungswerk SFZ Chemnitz ist für mich also ein Volltreffer. Seit meinem 18. Lebensjahr gehe ich hier zur Berufsschule, bin mittlerweile im dritten und letzten Lehrjahr und bereite mich demnächst schon auf meine Abschlussprüfungen vor.
Die Lehrstelle in meinem Wunschberuf zu bekommen, war allerdings gar nicht so einfach. Im letzten Jahr auf der Realschule war die Frage unausweichlich: Was kommt nach der Schule? Bis dahin hatte ich mich ohne Hilfsmittel und mit Unterstützung meiner sehenden Mitschüler durchgeschlagen. Beim Abschreiben von Folien und vielem anderem musste ich mehr schlecht als recht improvisieren. Mit 30 Prozent Sehrest erkenne ich noch mehr als andere Betroffene. Trotzdem habe ich mit Hilfe meiner Lehrer gezielt nach einer Bildungseinrichtung für sehbehinderte Menschen gesucht, die im Bereich Informatik ausbildet, und dabei das SFZ Chemnitz entdeckt. Nach vielen Terminen hatte ich irgendwann endlich auch das Arbeitsamt von meinen Plänen überzeugt und durfte im BBW eine zweiwöchige Arbeitserprobung antreten. Ergebnis der praktischen und theoretischen Tests vor Ort: Eignung als Fachinformatiker und Zerspannungsmechaniker vorhanden!
Meine erste Wahl war natürlich klar und schon kurz darauf konnte die Lehre beginnen. In der Ausbildung lerne ich seither den Aufbau von Computern, Netzwerken und Software, um später in der Lage zu sein, diese aufzubauen, zu konfigurieren, zu warten und zu reparieren. Bei meiner Spezifikation liegt der Schwerpunkt auf dem Entwickeln und Bereitstellen von Software. So kann ich später zum Beispiel die Webseite eines Betriebes erstellen und pflegen. Die Ausbildung ist insgesamt ziemlich anspruchsvoll. Da helfen eigenes Interesse und Begeisterung für das Thema schon sehr, um sich zu motivieren und am Ende erfolgreich zu sein.
Der Unterricht ist in Blöcke aus Berufsschulzeiten und praktischen Ausbildungsteilen gegliedert, die sich alle paar Wochen abwechseln. Die Berufsschule gehört zum BBW und ist direkt auf dem Gelände angesiedelt. Im Unterricht wird daher auf die verschiedenen Sehprobleme Rücksicht genommen. Für mich und die sechs Mitstreiter in meinem Lehrjahr stehen zum Beispiel Screenreader und Braillezeilen zur Verfügung. Ich selbst arbeite am Computer aber immer noch ohne Hilfsmittel. Den praktischen Teil der Ausbildung absolvieren wir ebenfalls am BBW und nicht, wie sonst üblich, direkt im Betrieb. Bei zwei fünfmonatigen Praktika im ersten und dritten Lehrjahr bekommen wir aber schon ziemlich gute Einblicke in den Arbeitsalltag in der freien Wirtschaft.
Meine Freizeit verbringe ich häufig mit Mitschülern oder meinen zwei Mitbewohnern, mit denen ich in einer selbstständigen WG des BBWs außerhalb des Schulgeländes wohne. Die Arbeiten im Haushalt teilen wir untereinander ganz gut auf, gegessen wird oft gemeinsam. Bei Aktivitäten des BBW lernt man auch schnell andere Leute kennen. Eine Zeit lang habe ich regelmäßig in einer Pokerrunde mitgespielt und bei der vierteljährlichen Meisterschaft sogar einmal den Wanderpokal gewonnen. Aber auch in der Freizeit lässt mich der Computer nicht ganz los: Ich programmiere an eigenen kleinen Projekten und baue das Freifunk-Netzwerk in Chemnitz mit auf, das sich für freien Internetzugang per Funk für alle einsetzt.
Nach meinem ersten Praxiseinsatz bei einer großen Hilfsmittelfirma durchlauf ich im Moment gerade mein zweites Praktikum in einem Chemnitzer Betrieb. Da ein anderer Kollege hier ebenfalls sehbehindert ist, haben alle Mitarbeiter sofort verständnisvoll reagiert. Meine Aufgabe hier ist das Programmieren von Webseiten, das ich mir auch in Zukunft als Job gut vorstellen kann. Fehlen eigentlich nur noch die Abschlussprüfungen im Mai, die ich hoffentlich gut meistern werde, um den nächsten Schritt in Richtung IT-Branche zu gehen.
Martin Neß (21) hat es aus der Altmark in der Nähe von Magdeburg ans BBW Chemnitz verschlagen. Der Auszubildende, der unter einem angeborenen Nystagmus (Augenzittern) leidet, möchte nach seinem Abschluss in der IT-Branche Fuß fassen.
Neustart ins (Berufs-)Leben
Sich neu orientieren, neue Techniken nutzen, vielleicht sogar einen neuen Beruf erlernen? Viele blinde und sehbehinderte Menschen durchlaufen im Laufe ihres (Berufs-)Lebens irgendwann Rehabilitations- oder Integrationsmaßnahmen. In Kooperation mit den Berufsförderungs- und Berufsbildungswerken in Deutschland stellt die „Gegenwart“ ausgewählte Menschen vor. Sie schreiben über ihre Erfahrungen, Ängste, Wünsche und Träume beim beruflichen Neustart oder auf dem Weg zurück in den alten Job.